17.08.2008 | KommentareKeine Kommentare

Sarah Wiener: Etikettenschwindel

Unbekannte Inhaltsstoffe, pompöse Versprechen: Warum sind die Angaben auf Lebensmittelverpackungen nur so unverständlich?

Ich gebe zu: Gebrauchsanweisungen machen mir schlechte Laune. So wechsle ich den Staubsaugerbeutel nicht nach Anleitung, sondern nach der Methode „Learning by Doing“. Geht es darum, die Geheimnisse meines Handys zu ergründen, bitte ich andere um Hilfe. Zum Glück bin ich von Technikgenies umgeben, die mit der Herstellersprache vertraut sind – ich kann also ganz gut mit meinem Manko leben.
Diese Dinge sind ja auch nicht lebenswichtig. Umso mehr verwundert und erzürnt es mich, dass die Sorgfalts- und Aufklärungspfl icht ausgerechnet bei Lebensmitteln nicht zu gelten scheint. Zutatenlisten von verarbeiteten Lebensmitteln empfi nde ich oft als unvollständig und irrefuührend. Wer weiß denn schon, was E-Stoffe sind und dass E 330 Zitronensäure ist, ein Zusatzstoff, der auch als WC-Reiniger eingesetzt wird? Man fragt sich als kritischer Verbraucher überhaupt, warum Essen so viel Chemie braucht. Die simple Antwort: um die Nahrung haltbar und hübscher zu machen, ihren Geschmack zu „verbessern“ oder mit kuünstlichen Aromen überhaupt erst herzustellen; um die Optik aufzublasen, denn der Kunde will ja auch etwas haben für sein Geld. Und das möglichst guünstig. Wer aber billige Lebensmittel einkauft und sich über Schnäppchenpreise freut, übersieht dabei, dass die Qualität auf der Strecke bleibt.
Wie lässt sich jetzt erkennen, welches Produkt seinen Preis wert ist und welches nicht? Beim Verzehr von unbekannten Inhaltsstoffen ist mir unwohl. Daher koche ich lieber selbst oder kaufe nur verarbeitete Lebensmittel, deren Hersteller sich um Aufklärung bemühen. Ein abschreckendes Beispiel aus dem Supermarkt sind die „Wellness“- und „Light“-Produkte sowie Kinderlebensmittel, die uns vorgaukeln: Hier kannst du deinem Körper, deinem Kind, deiner Familie etwas Gutes tun. Ich habe bis jetzt noch keinen Menschen erlebt, der nicht gelegentlich ein schlechtes Gewissen hatte, weil seine Ernährung zu üppig, zu fett oder zu süß ausgefallen war. Wie gut, dass die Industrie hierfür Entlastung anbietet: „fettreduziert“, „nur mit Fruchtzucker“ oder „Eine Portion mit nur 250 Kalorien“, so die Versprechen.
Etwas läuft dennoch falsch: Trotz quälender Diäten werden wir dicker, Allergien nehmen zu, es gibt Zwölfjährige, die an Altersdiabetes leiden. Studien zeigten, das Kinderprodukte in der Regel süßer sind als andere Lebensmittel, dass manche Snacks bereits den Tages-Kalorienbedarf decken und dass „fettfrei“ nicht gesünder heißen muss oder schlank macht (siehe die Produkte links).
Die Industrie, aufgeschreckt durch empörte Verbraucherschützer, hat sich dazu durchgerungen, auf den Verpackungen die Prozentangabe für Fett, Zucker und Salz pro Portion nach Tagesbedarf anzugeben. Nur: Wessen Bedarf ist gemeint und welche Portionsgröße? Sind 25 g eine Portion? Habe ich den gleichen Tagesbedarf wie ein Schwerarbeiter oder ein Kleinkind? Und wer kann so einen Hinweis korrekt interpretieren? Fatal, wenn gesund einkaufen jetzt zu einer Wissenschaft für Vorgebildete wird! Einfacher wäre es, das Ampelsystem aus England zu uübernehmen: Rot für „Viel davon, Vorsicht!“, Gelb für „In Maßen“ und Grün für „Unbedenklich“. Warum wehrt sich die Industrie vehement gegen die so simple Lösung? Na, dann würde wohl kaum noch jemand Lebensmittel kaufen, deren Ampel auf Rot steht. Ich wünschte, das Signal hätte Wirkung: Rezepturänderungen, Aufklärung, gesündere Lebensmittel. Klar hat der Mensch in erster Linie Eigenverantwortung. Doch ohne die nötigen Informationen der Hersteller geht es nicht!

Light-Produkte im Ampel-Check

Politik und Industrie rangeln um die neue Nährwertkennzeichnung von Lebensmitteln. Sie soll auf der Packung offenlegen, wie viel Fett, Zucker oder Salz ein Produkt enthält. mehr

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