27.08.2009 | KommentareKeine Kommentare

Wie Heimatstädte uns prägen

Was macht meine Stadt mit mir? Die Soziologin Prof. Martina Löw über Städte als Organismen mit eigenem Charakter – und wie dieser die Bewohner verändert.

Sie sagen, jede Stadt habe eine eigene Gefühlsstruktur. Was macht diese aus? Unter anderem die Architektur: In einer Fachwerkhaussiedlung aufzuwachsen stellt andere Vertrautheiten her als eine Jugend im Plattenbau. Auch die landschaftlichen und städtebaulichen Gegebenheiten – die Alpenkulisse von München zum Beispiel oder die vielspurige Frankfurter Allee in Berlin – machen etwas mit dem Selbstverständnis der Anwohner, mit ihrem Lebensgefühl. Durch viele kleine Einfl üsse entstehen Handlungsmuster, die die Menschen sich selber geben und die spezifisch sind für eine Stadt.
Woran denken Sie da? In München rennt man zum Beispiel viel seltener der U-Bahn nach als in Berlin, obwohl man dort deutlich länger auf die nächste warten muss. Berlin hat auch das höhere Schritttempo, dort geht man schneller. In Köln werden bei offiziellen Hochschulfeierlichkeiten „Mer losse d’r Dom en Kölle“ und andere Gassenhauer gesungen – das wäre anderswo undenkbar, in vielen Städten gibt es solche Lieder nicht einmal. Eigenarten wie diese wirken sich dann wiederum auf den Menschen aus. Jeder von uns wäre ein anderer, wenn er in einer anderen Stadt lebte.
Inwiefern denn? Was würde sich ändern, wenn man in München statt Leipzig zu Hause wäre? Nehmen Sie jemanden, der wenig Geld hat. In Leipzig ist die kleinste Summe, die Sie aus dem Geldautomaten ziehen können, zehn Euro. In München sind es oft fünfzig Euro. Wem das zu viel ist, der wird in München bei jedem Gang zum Automaten daran erinnert, dass er weniger hat als die anderen. Das beeinflusst das Lebensgefühl. Zudem haben Städte mit vielen armen Einwohnern meist zahlreiche Lokale und Institutio- nen, die auf Menschen mit wenig Geld eingestellt sind. Es gibt sogar Städte mit einer ausgesprochenen Armutskultur, wie etwa im Ruhrgebiet. München dagegen hat eine viel bürgerlichere Identität. Aber es fängt schon bei den Kleinsten an: Kinder, die in einer Stadt mit wenig Kindergartenplätzen aufwachsen, sind stärker auf die Eltern bezogen als Kinder, die die Möglichkeiten öffentlicher Kleinkinderziehung genießen – wie die jüngsten Leipziger. Das wirkt ein Leben lang nach.
Dann sind die Städte längst nicht so verwechselbar, wie es die überall gleichen Geschäfte in den Innenstädten vermuten lassen? Eine wirkliche Homogenisierung hat es nie gegeben, nur in wenigen Bereichen wie etwa am Flughafen und in Fußgängerzonen. Genau das hat aber bereits zu einer Gegenbewegung geführt, sodass die Identität der Städte in den vergangenen Jahren sogar wieder stärker spürbar geworden ist.
Es gibt also Orte, die besser zu meinem Charakter passen als andere. Kann ein Umzug mich glücklicher machen? Im Prinzip schon. Nur kommt für die meisten Menschen umziehen ohnehin nicht infrage. Sie wollen dort leben, wo sie herkommen. Aber das ist ein anderes Thema …

Prof. Martina Löw Soziologin an der Universität Darmstadt: www.stadtforschung.tu-darmstadt.de und Buchautorin
„Soziologie der Städte”. Suhrkamp, 22,80 Euro.
ILLUSTRATION: CLAUDIA COSTAS-LINZER FÜR HEALTHY LIVING, FOTOS: ISTOCKPHOTO.COM (3), PRIVAT
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